Regionalgruppe Nord

Die Regionalgruppe Nord hat sich im Mai 2002 neu konstitiuert.
Gründung: 30.01.1998
Mitglieder: 100

Koordinator:
Dr. Ralf Kilger
Behörde für Umwelt und Energie
Abteilung Bodenschutz/Altlasten
Neuenfelder Straße 119
21109 Hamburg
Tel.:     040 / 4 28 405 – 5328
E Mail: Ralf.Kilger(at)bue.hamburg.deralf.kilger(at)bsu.hamburg.de


20. Treffen der Regionalgruppe Nord

Die ITVA-Regionalgruppe Nord traf sich am 08.11.2017 zu ihrer Herbstsitzung wieder in den Räumen der Hamburger Behörde für Umwelt und Energie. Der Schwerpunkt lag in diesem Jahr auf zwei Baumaßnahmen. Im ersten Vortrag berichtete Herr Dr.-Ing. Frank Tidden von der BAUER Resources GmbH aus Schrobenhausen über die „Umsetzung der Sanierung von Perimeter 1/3-Nordwest der Altablagerung Kesslergrube“. Er trug vor, dass die Sanierungsarbeiten für eines der größten und anspruchsvollsten Sanierungsprojekte in Deutschland, der Altablagerung Kesslergrube Perimeter 1/3-Nordwest in der baden-württembergischen Gemeinde Grenzach-Wyhlen, im August 2015 begannen. Nach einem umfangreichen Präqualifikations- und Angebotsverfahren beauftragte die Bauherrin Roche Pharma AG die BAUER Resources GmbH mit der Durchführung der Sanierung und Entsorgung sowie dem Bau eines temporären Schiffsanlegers für den An- und Abtransport von Materialien und Abfällen.

Wie bei vielen anderen Altablagerungen lag die Geburtsstunde der Altlast Kesslergrube in der Verfüllung einer ehemaligen Kiesgrube mit Hausmüll, Bauschutt sowie Gewerbe- und Industrieabfällen während der 1950er bis Mitte der 1970er Jahre. Nach einer intensiven Untersuchung der Belastungssituation und Feststellung der Sanierungsbedürftigkeit entschied sich die Bauherrin Roche Pharma AG für die Komplettsanierung ihres Perimeters durch Aushub der ca. 315.000 Mg Abfälle und deren ausnahmsloser Entsorgung in thermischen Behandlungsanlagen.

Bis mit den Aushubarbeiten im Schutz einer rund 14.000 m² großen schallgedämmten Halle Ende 2017 begonnen werden kann, war eine Vielzahl vorlaufender Arbeiten auszuführen. Begonnen wurde mit der Profilierung des zum Rhein hin abfallenden Geländes und dem Bau eines 138 m langen Schiffsanlegers als sogenannte Fangedammkonstruktion. Nach Beendigung der Rasterbeprobung, bei der 142 Bohrungen zur detaillierten Ermittlung der Belastungswerte und Qualitäten der Altablagerung niedergebracht wurden, begannen die Großlochbohrungen zur Herstellung der Bohrpfahlwand für die Baugrube. Insgesamt 888 Pfähle mit Tiefen zwischen 18 und 26,5 m und einem Durchmesser von 1,2 m wurden mit bis zu 5 BAUER Drehbohrgeräten BG 39 hergestellt. In Randbereichen, die außerhalb der Einhausung liegen, wurden Austauschbohrungen mit einem Durchmesser von 1,5 m durchgeführt und die Abfälle bis zur Sohle in ca. 13 m Tiefe vollständig entfernt.

Zur Vermeidung von unkontrollierten Emissionen während der Bohrarbeiten wurden umfangreiche Schutzmaßnahmen getroffen. Luftgetragene Schadstoffe während der Großlochbohrungen wurden über eine Absaugvorrichtung am Bohrrohr kontinuierlich erfasst und einer Reinigungsanlage zugeführt. Der Zwischentransport des ausgebohrten Materials erfolgte mittels Radlader in einer geschlossenen Klappschaufel bis zur Verladehalle. Dort wurden alle Abfälle in gas- und flüssigkeitsdichte Spezialcontainer verladen, mit LKW zum nächstgelegenen Verladebahnhof gefahren und anschließend mit der Bahn zu thermischen Behandlungsanlagen transportiert. Mit Stand November 2017 wurden mit rund 100.000 Mg bereits ein Drittel der prognostizierten Entsorgungsmassen auf diesem Wege kontrolliert und ohne Beanstandungen der Behandlung zugeführt. Mit Beginn des Aushubs in der Sanierungshalle wird der Schiffsanleger seinen Betrieb aufnehmen und künftig werden die Spezialcontainer mittels Schiff von der Baustelle abtransportiert.

Um die Abfälle trocken ausbohren und im Trockenen ausheben zu können, ist eine Wasserhaltung mit nachgeschalteter Wasserreinigung erforderlich. Die Wasserreinigungsanlagen wurden vorlaufend und teilweise parallel zu den o.a. vorlaufenden Arbeiten erstellt. Beginnend mit einer modularen Wasserreinigungsanlage für die anfallenden Schmutzwässer während der Profilierungs- und Rastererkundungsarbeiten wurde eine temporäre Grundwasserreinigungsanlage während der Bohrarbeiten betrieben. Diese wurde mit der Beendigung der Bohrarbeiten durch eine in einer ca. 1.100 m² großen Halle aufgestellten stationären Grundwasserreinigungsanlage abgelöst. In drei Behandlungsstraßen werden bis zu 20 l/s Grundwasser durch chemisch-physikalische Verfahren, biologische Behandlungsstufen und nachgeschaltete Aktivkohleadsorption auf die genehmigten Einleitwerte für den Vorfluter Rhein gereinigt.

Die innerhalb der Sanierungshalle anfallende Abluft während der Aushubarbeiten wird in einer modularen Abluftreinigungsanlage mit einer Behandlungskapazität von rund 140.000 m³/h von Stäuben und Schadstoffen befreit. Die Spezialcontainer für den Transport der Abfälle werden über Fördereinrichtungen innerhalb der Sanierungshalle befüllt, von eventuelle Anhaftungen gereinigt und über Schleusen mit automatischen Verfahreinrichtungen aus der Halle transportiert. Die gereinigte Abluft aus der Halle und den Schleusen wird messtechnisch kontinuierlich überwacht und über einen Kamin kontrolliert abgeleitet.

Mit den Aushubarbeiten in der Sanierungshalle beginnen Ende des Jahres 2017 die finalen Sanierungsarbeiten, die mit der Rückverfüllung der Baugrube und dem Rückbau des Schiffsanlegers bis 2020 abgeschlossen sein werden.

Nach der Pause ging es um eine Wasserbaustelle an der Elbe, die Herstellung des tidebeeinflussten Flachwassergebiets Spadenlander Busch/Kreetsand einschließlich Bodenmanagement“. Vortragende waren Frau Dipl.-Geogr. Susanne Ahrens und Herr Dipl.-Ing. Tobias Gehle, von der Hamburg Port Authority (HPA). Sie berichteten in ihrem Vortrag, dass die Hamburg Port Authority seit 2012 ein unter Tideeinfluss stehendes 30 ha großes Flachwassergebiet an der Norderelbe in Hamburg realisiert. Im Rahmen dieses Pilotprojektes wird einer der drei Eckpfeiler des Tideelbekonzeptes – Schaffung von Flutraum zwischen Glückstadt und Geesthacht – umgesetzt. Ziel des Vorhabens ist die Dämpfung der Tidedynamik der Elbe, um den Umfang von Sedimentablagerungen im Hamburger Hafen und die daraus folgenden Unterhaltungsmaßnahmen zu reduzieren. Gleichzeitig wird eine Kohärenzsicherungsmaßnahme (Fauna-Flora-Habitat Richtlinie der EU) zum Erhalt des endemischen Schierlingswasserfenchels für die Fahrrinnenanpassung von Unter- und Außenelbe umgesetzt.

Das Projektgebiet befindet sich auf der Ostseite der Elbinsel Wilhelmsburg direkt an der Norderelbe im Bezirk Hamburg-Mitte. Es handelt sich um eine Teilfläche des ehemaligen, 47 ha großen Spülfeldes Spadenlander Busch und Kreetsand, in das von Mitte der 1940er Jahre bis Mitte der 1950er Jahre die Böden aus Unterhaltungsbaggerungen im Hamburger Hafen eingespült wurden.

Die Geländehöhe des Spülfeldes lag bei + 6,0 m NN, der geplante Abtrag wird bis in Tiefen zwischen - 2,50 m NN bis - 3,50 m NN erfolgen. Auf der Grundlage von ca. 450 Bohrungen mit Erkundungstiefen von 8 m wurde ein Untergrundmodell erstellt. Dieses weist die Verteilung der unterschiedlichen Bodenarten und parameterspezifische Kontaminationsschwerpunkte kartographisch aus und ermöglicht die Bestimmung eines Mengengerüsts.

Mit dem Bau des Flachwassergebietes werden ca. 2 Mio. m³ Böden abgetragen, die mehrheitlich aus den aufgespülten Sanden und Schlicken der Unterhaltungsbaggerungen bestehen. Die übrigen Böden sind natürlich gewachsene Sande, Kleie und Torfe, die unterhalb der eingespülten Böden ab etwa 1 m NN anzutreffen sind. Die verschiedenen Böden weisen unterschiedliche physikalische und chemische Eigenschaften auf. Insbesondere werden in den eingespülten Schlicken neben organischen Schadstoffen und Schwermetallen auch Dioxine nachgewiesen – eine typische Belastung innerhalb der Altspülfelder im Hamburger Hafen.

Für eine nachhaltige und wirtschaftlich vertretbare Projektdurchführung sind die unterschiedlichen Böden möglichst sortenrein zu trennen, was durch ein intensiv betriebenes Bodenmanagement auf der Baustelle erreicht wird. Dem Gedanken der Nachhaltigkeit und des Bodenschutzes folgend sollen alle ausgebauten verwertungsfähigen Böden als Baustoff oder Boden genutzt werden. Hierzu zählen vor allem die unbelasteten natürlich gewachsenen Böden (Sand, Klei und Torf). Aber auch der überwiegende Anteil der Spülfeldsande kann in Abstimmung mit der Umweltbehörde Hamburgs in verschiedenen Baumaßnahmen innerhalb des Hafens eingesetzt. Die HPA erwartet, dass insgesamt ca. 1,2 Mio. m³ des Bodenaushubs einer Verwertung zugeführt werden können. Die Böden werden entweder direkt auf dem Wasser- oder Landweg zu ihrem Bestimmungsort transportiert oder zunächst noch auf der Baustelle vorgehalten. Mit zunehmendem Baufortschritt wird diese Bereitstellung dann auf Flächen außerhalb des Baufeldes erfolgen müssen. Die übrigen ca. 0,8 Mio. m³ – im wesentlichen Schlicke – werden gemäß der LAGA-Regeln beprobt, analysiert und zur Beseitigung ausgeschrieben.

Das Flachwassergebiet wird voraussichtlich bis Ende 2021 hergestellt sein. Dann wird dieser künstliche Elbarm sein hydraulisches Potenzial vollständig entfalten und das Tideniedrigwasser stützen. Gleichzeitig wird die Natur das Flachwassergebiet erobern. Dabei werden sich in den vielen seltenen Lebensräumen zwischen Wasser und Land schnell die gewünschten wertvollen Biotope etablieren.

Insgesamt stieß die Veranstaltung mit knapp 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sich rege an den Diskussionen beteiligten, auf großes Interesse, die Qualität der beiden Vorträge wurde sehr gelobt.


19. Treffen der Regionalgruppe Nord, 23.11.2016, Hamburg

Zwei aktuelle Themen zur Bewertung und Beschreibung von Altlasten standen auf dem Programm der ITVA-Regionalgruppe Nord, die am 23.11.2016 in Hamburg tagte. Dr. Andreas Zeddel vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) in Flintbek bei Kiel trug vor über die „Untersuchung und Bewertung beim Wirkungspfad Boden-Grundwasser – Fachliche Empfehlungen mit Blick auf die Geringfügigkeitsschwellen 2016 und die zu erwartende novellierte BBodSchV“. Dargestellt wurden aus der Sicht des LLUR die folgenden aktuell wichtigen Eckpunkte bezüglich des Wirkungspfades Boden-Grundwasser:

1. Zentrale Hilfestellungen zur Umsetzung der im Anhang 1, Punkt 3.3 der BBodSchV von 1999 dargestellten Verfahren zur Abschätzung des Stoffeintrags aus Verdachtsflächen oder altlastenverdächtigen Flächen in das Grundwasser sind die LABO-Dokumente „Arbeitshilfe Sickerwasserprognose bei orientierenden Untersuchungen“ und „Arbeitshilfe Sickerwasserprognose bei Detailuntersuchungen“ (LABO = Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Bodenschutz).

2. Soweit zur Abschätzung des Freisetzungsverhaltens von Schadstoffen zur Sickerwasserprognose Eluatuntersuchungen angewendet werden, ist festzustellen, dass die in der BBodSchV genannten Verfahren nur bedingt fachlich geeignet sind. Der Bodensättigungsextrakt ist kein praktikables Verfahren, das S4-Verfahren führt i.d.R. zu Unterbefunden gegenüber dem Bodensättigungsextrakt und eine Um­rechnung zwischen den Verfahren ist nicht möglich. Es ist daher eines der folgenden fachlich fortschrittlichen Verfahren zu verwenden: DIN 19529 „Elution von Feststoffen – Schüttelverfahren zur Untersuchung des Elutionsverhaltens von anorganischen Stoffen und organischen Stoffen mit einem Wasser/Feststoff-Verhältnis von 2 l/kg“, Ausgabe Dezember 2015, oder den Säulen­versuch oder Säulenkurztest nach der DIN 19528, Ausgabe Januar 2009. Diese Empfehlung entspricht der Empfehlung des Fachbeitrats Bodenuntersuchungen (FBU). Der Wechsel auf das fachlich zuverlässige 2:1 Schütteleluat (oder Säule) ist schon zum heutigen Zeitpunkt für belastbare Aussagen notwendig.

3. Wird zur Abschätzung des Freisetzungsverhaltens das Schüttelverfahren nach DIN 19529 angewendet, ist zu berücksichtigen, dass auch aus natürlichen, unbelasteten Böden anorganische Stoffe in Abhängigkeit der Bodenkenngrößen und des Bodenmilieus in die gelöste Phase überführt werden. Hierdurch wird nach heutigem Kenntnisstand die chemische Grundwasserbeschaffenheit nicht nachteilig verändert. Die Konzentration der Stoffe im Sickerwasser natürlicher, unbelasteter Böden wurde durch die Untersuchung von Eluaten im 2:1-Eluat abgeschätzt. Die daraus abgeleiteten Hintergrundwerte (als 95er-Perzentil) sind veröffentlicht (siehe altlasten spektrum 2/2016, S. 56). Bei Untersuchung von Bodenmaterial im 2:1 Eluat liegt ein Gefahrenverdacht erst dann vor, wenn das Konzentrationsniveau deutlich oberhalb des natürlichen Werteniveaus im Bodeneluat liegt.

4. Ergänzend kann zur Sickerwasserprognose die Einmischung des Sickerwassers in das Grundwasser durch eine Einmischprognose (für 1 m Tiefe) ein Teil der Gefährdungsabschätzung beim Wirkungspfad Boden-Grundwasser sein. Die Einzelheiten dazu sind veröffentlicht (siehe 3.).

5. Die Berücksichtigung der natürlichen Schadstoffminderung bei der Altlastenbearbeitung wird durch ein LABO-Positionspapier aktuell fachlich unterstützt.

6. Ein verändertes Ableitungsschema und aktualisierte Datengrundlagen haben bei einigen aktuellen Geringfügigkeitsschwellenwerten zu einer deutlichen Absenkung gegenüber den GFS-Werten aus dem Jahr 2004 geführt – insbesondere bei ökotoxikologisch begründeten GFS für anorganische Stoffe. Zur Gefahrenbeurteilung auf Basis der Geringfügigkeitsschwellen sind im GFS-Papier spezielle Anwendungsgrundsätze benannt. Bei ökotoxikologisch begründeter GFS ist danach im Einzelfall zu prüfen, ob die Schutzgüter Oberflächengewässer oder grundwasserabhängige Landökosysteme betroffen sein können. In der bodenschutzrechtlichen Nachsorge wäre so eine nachteilige Veränderung der Grundwasserbeschaffenheit, deren nachteilige Wirkung ausschließlich für Grundwasserorganismen zu besorgen ist, nicht als Grundwasserschadens anzusehen. Durch die aktuellen GFS ergibt sich in Folge keine wesentliche Änderung des Bewertungsniveaus gegenüber den Prüfwerten der BBodSchV von 1999. Bewertungen auf Basis der aktuell gültigen Prüfwerte sind somit nicht nur formal korrekt, sondern auch mit Blick auf zukünftig zu erwartende Bewertungsmaßstäbe fachlich plausibel.

7. Durch die Anwendungsgrundsätze des GFS-Papiers wird nicht die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen beschrieben – dazu bedarf es eines eigenständigen Abwägungsprozesses gemäß einem LAWA-LABO-Papier aus 2006 (LAWA = Bund/Länderarbeitsgemeinschaft Wasser).

Zwischenzeitlich ist im Dezember 2016 der neue Referentenentwurf des BMU (Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit) zur Mantelverordnung veröffentlicht worden, der auch eine Neufassung der BBodSchV vorsieht. Sofern dieser Entwurf verabschiedet wird, müssen nach Einschätzung von Herrn Dr. Zeddel in einzelnen der o.g. LABO-Papieren einzelne Anpassungen vorgenommen werden, sie sind jedoch weiterhin vom Grundsatz her weiterhin anwendbar und anzuwenden.

Im zweiten Vortrag befasste sich Herr Jörg Frauenstein vom Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau, und Vorsitzender der Redaktionsgruppe für die Arbeitshilfe zur Rückführungspflicht bei der LABO, mit der Frage „Ausgangszustandsbericht und Rückführungspflicht nach IED – eine Stärkung von Boden- und Grundwasserschutz?“. Die Richtlinie 2010/75/EU des Europäischen Parlamentes und des Rates vom 24. November 2010 über Industrieemissionen (IE-RL) fordert für bestimmte Industriebereiche die Erstellung eines Ausgangszustandsberichts (AZB) im Rahmen der Anlagengenehmigung. Dieser AZB soll den Zustand des Bodens und des Grundwassers auf dem Anlagengrundstück darstellen. Er dient letztlich als Beweissicherung und Vergleichsmaßstab für die Rückführungspflicht bei Anlagenstilllegung nach § 5 Abs. 4 BImSchG (vgl. Art. 22 IE-RL).

Zum Ausgangszustandsbericht hat die LABO unter Beteiligung der LAWA eine Arbeitshilfe erstellt („Arbeitshilfe zum Ausgangszustandsbericht“, Stand 15.04.2015). Die Umweltministerkonferenz (UMK) hat mit Beschluss zum UMK-Umlaufverfahren 20/2013 vom 01.10.2013 die von der LABO erstellte Arbeitshilfe zum Ausgangszustandsbericht für Boden und Grundwasser zur Kenntnis genommen und deren Veröffentlichung auf der LABO-Homepage zugestimmt. Mehrere Bundesländer haben bereits per Erlass diese Arbeitshilfe für den Vollzug verbindlich eingeführt.

In Fortsetzung dieser Aktivitäten wurde die Redaktionsgruppe auf der 43. Sitzung der LABO vom 21./22.03.2013 beauftragt, in Zusammenarbeit mit der LAWA und der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz (LAI) eine „Arbeitshilfe zur Rückführungspflicht“ zu erarbeiten. Diese Arbeitshilfe soll zum einen den zuständigen Behörden und den Anlagenbetreibern Hinweise geben, welche Unterlagen der Betreiber zur Beurteilung der Rückführungspflicht nach § 5 Abs. 4 BImSchG bei Betriebseinstellung vorzulegen hat. Zum anderen soll sie als Hilfestellung bei der Prüfung dienen, ob und welche Rückführungsmaßnahmen nach Einstellung des Betriebs einer Anlage zu ergreifen sind.

Seit Mai 2016 wurde ein erster Entwurf der Arbeitshilfe zur Rückführungspflicht auch mit der externen Fachöffentlichkeit diskutiert. Weiterhin bestand die Möglichkeit, auf einem nationalen und öffentlichen LABO-Workshop in Dresden im September 2016 den vorliegenden Entwurf umfassend zu diskutieren. Erkannte oder adressierte Defizite aus diesem proaktiven Kommunikationsprozess wurden inzwischen durch die Redaktionsgruppe aufgegriffen und eingearbeitet. So war es mit dem ersten Entwurf noch nicht vollständig gelungen, die Verfahrensdifferenzierung bei der Umsetzung von BImSchG und BBodSchG und den daraus resultierenden Konsequenzen für alle Adressaten zu verdeutlichen. Wiederholt wurde angemerkt, dass die Anforderungen aus der IE-RL keine maßgeblichen Akzente hinsichtlich des Flächenrecyclings setzen. AZB und UzB (Unterlage zur Betriebseinstellung) werden hier oft sogar als kontraproduktiv angesehen. Auch dieses Thema wird nun im aktuellen Entwurf der Arbeitshilfe adressiert.

Kritisch diskutiert wird der parallele Vollzug von Rückführungspflicht und Bodenschutzrecht. Während es bei dem Vollzug des Bodenschutzrechts um Gefahrenabwehr geht, verfolgt die Rückführungspflicht einen präventiven Boden- und Grundwasserschutz.

Dies bedarf geeigneter Bewertungsmaßstäbe und Verfahren, die die eigentliche Herausforderung bei der Umsetzung der IE-RL darstellen. Für die Mehrzahl der adressierten gefährlichen Stoffe liegen qualifizierte analytische Messverfahren und eine unmittelbar anwendbare Bewertung hinsichtlich einer gefährlichen Verschmutzung von Boden und Grundwasser nicht gesichert vor oder fehlen bislang. Die Dimension dieses Problems verlangt die Organsiation von länderübergreifender und interdiziplinärer Zusammenarbeit und die Einbeziehung von Ressourcen der Europäischen Union. Ziel muss es sein, die Stoffbewertungen dringend weiterzuentwickeln. Explizit für den Boden ist zu konstatieren, dass etwa auf Grund von Heterogenität und Matrixeffekten eine rechtssichere quantitative Bestimmbarkeit insbesondere auch bei Mehrzweck- und Vielstoffanlagen derzeit kaum erreichbar ist.

Von Betreiberseite wir die Forderung nach einer Flexibilisierung der Verfahrensabläufe erhoben. Dabei sollen der Kosten- und Zeitauswand für die Erarbeitung der entsprechenden Berichte verhältnismäßig sein und die Entwicklung am Standort bzw. auf dem Anlagengrundstück nicht behindern. In der Diskussion stehen deshalb Lösungsansätze für komplexe Industrieanlagen und Industrieparks und eine vor allem zeitliche Flexibilisierung bei der Umsetzung der Rückführungpflicht. Da der Adressat dieser gesetzlichen Pflichten allein der Anlagenbetreiber ist und die Behörde beispielsweise im Insolvenzfall nicht in die Rückführungspflicht eintritt, wird die geforderte Änderung nicht ohne geeignete rechtliche wie finanzielle Absicherungsmechanismen erfolgen können.

Beide Arbeitshilfen, so ein klares Votum aus der Öffentlichkeitsbeteiligung, bedürfen grundsätzlicher Lösungsansätze für vogenutzte Standorte, mit einer Steuerungswirkung im Hinblick auf die Reduzierung des Flächenverbauchs. Dafür ist es zukünftig erforderlich, vorliegende Standortinformationen behördenübergreifend zu nutzen. Im Verlauf der Bearbeitung ergaben sich immer wieder inhaltliche Interaktionen und Abhängigkeiten, die konsistent in beiden Arbeitshilfen zu implementieren sind. Zusammen mit den zahlreichen Anregungen aus der Öffentlichkeitsbeteiligung und dem LABO-Workshop implizieren sie bereits die Notwendigkeit einer inhaltlichen Revision der Arbeitshilfe zum Ausgangszustandsbericht, die noch 2017 in Angriff genommen werden soll.

Zwischenzeitlich wurde im Dezember 2016 durch die LABO-Redaktionsgruppe ein überarbeiteter zweiter Entwurf fertiggestellt und den LABO-Gremien sowie der LAWA und dem LAI zugeleitet, um im Anschluss die notwendigen Zustimmungs- und Beschlussverfahren von LABO und Umweltministerkonferenz einleiten zu können.

Es ist festzustellen, dass die Instrumente von Ausgangszustandbericht und Rückführungspflicht eine klare eine Stärkung von Boden- und Grundwasserschutz bedeuten. Mehr noch, sie stärken präventive Ansätze, die eine Verschutzung von Boden und Grundwasser perspektivisch drastisch reduzieren oder vermeiden sollen. Somit wird ein wirksamer Schritt in Richtung Altlastenvermeidung eröffnet. Neben der engen thematischen Verknüpfung beider Themenbereiche ist dabei insbesondere die Experise von Fachleuten aus Boden- und Gewässerschutz gefordert. Der interdiziplinäre und adressatenübergreifenden Dialog setzte während der Erarbeitung der beiden Arbeitshilfen positive Akzente und brachte zahlreiche konstruktive Vorschläge und Lösungsansätze in den Prozess ein, so auch durch die Stellungnahmen des ITVA.


18. Treffen der Regionalgruppe Nord

Das jährliche Treffen der ITVA-Regionalgruppe Nord fand am 18.11.2015 statt. In seiner Begrüßung informierte Dr. Kilger über die ITVA-Fachtagung „Altlasten- und Flächenmanagement – Herausforderungen und Perspektiven“ anlässlich des 25-jährigen Bestehens des ITVA im  Oktober in Berlin. Er berichtete ferner von Diskussionen innerhalb des ITVA, wie neue jüngere Mitglieder geworben werden können. Dies sei nicht allein eine Aufgabe des Vorstandes, hier kann jedes Mitglied einen Beitrag leisten. So sollten die ITVA-Mitglieder in Ing.-Büros und Behörden in ihrem beruflichen Umfeld verstärkt Eigenwerbung betreiben und junge Leute gezielt zur Mitgliedschaft motivieren. Außerordentliche Mitglieder sollten  ihre jüngeren Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter dazu bewegen, in den Fachausschüssen oder Arbeitsgruppen mitzuarbeiten. Und Mitglieder, die an Hochschulen Abschlussarbeiten mit Altlastenbezug betreuen, sollten ebenfalls für den ITVA werben und dabei auf den ITVA-Preis hinweisen. Dazu gehört dann aber auch, den Neuen in den Unternehmen die Gelegenheit zur Teilnahme am jährlichen Altlastensymposium zu geben, zur Kontaktpflege und zum Informationsaustausch.

Im fachlichen Mittelpunkt stand in diesem Jahr mit zwei Vorträgen seit längerer Zeit wieder die Grundwassersanierung. Den Anfang machte Prof. Dr. Peter Adolphi aus Greifswald zum Thema „LHKW-Grundwasserschäden – Erfahrungen bei der Lokalisierung und Sanierbarkeit. Er berichtete anhand von drei Beispielen aus Mecklenburg-Vorpommern eindrucksvoll, was schief laufen kann, wenn zu wenig bzw. falsch erkundet wird oder die Untersuchungsergebnisse missinterpretiert werden. „Man muss nachts von seinen Projekten träumen, damit man sie in der erforderlichen Tiefe durchdringt und Lösungen entwickeln kann“, so sinngemäß seine persönliche Erfahrung. 

Nach der Pause ging es um eine „Analyse zur Quantifizierung der möglichen Risiken bei einer Grundwassersanierung“, erarbeitet von Herrn Dipl.-Geol. Ulf Lankenau und vorgetragen von Herrn Dipl.-Geol. Kai Radmann, beide von der CONSULAQUA Hamburg Beratungsgesellschaft mbH (CAH) aus Hamburg. Vorgestellt wurde anhand eines konkreten Grundwassersanierungsprojektes ein Verfahren zur Quantifizierung von Sanierungsrisiken mittels Risikoanalyse. Die Erarbeitung der Risikoanalyse erfolgte in mehreren Schritten, wobei jedem Schritt in der Regel eine intensive Diskussion mit der Auftraggeberin (der Hamburger Behörde für Umwelt und Energie als Sanierungspflichtige) vorausging.

Als Ergebnis dieser Diskussionen und Abstimmungen wurde eine Vorgehensweise zur Beschreibung und Bewertung von Risiken erarbeitet, die sich in den folgenden vier Einzelschritten wiederfindet: Identifikation aller möglichen Risiken; Klassifikation von Risiken (technische, vertragliche, verfahrensbedingte Risiken etc.); qualitative Ermittlung der Hauptrisiken; quantitative Analyse der Hauptrisiken. Nach der Klassifizierung in Hauptgruppen wurden durch Priorisierung die Hauptrisiken ermittelt.

Die qualitative Bewertungsmethode beruht primär auf dem Wissen von Experten und Meinungsträgern. Im Gegensatz zur quantitativen Methode ist diese Abschätzung einfacher. Die nicht absolut durchgeführte Abschätzung erfordert ein hohes Maß an Fachwissen. Es wird in der Regel eine mehrstufige Skala, wie beispielsweise unwahrscheinlich bis sehr häufig, verwendet.

Nach der Ermittlung der Hauptrisiken wurden diese dann mittels einer quantitativen Risikoanalyse weiter bewertet. Mit dieser soll das Risiko mit möglichst genauen Werten auf Basis bekannter Größen und Variablen errechnet werden. Hierbei sollen alle Risiken so objektiv wie möglich abgeschätzt werden. Für eine angemessene quantitative Aussage der Berechnungsergebnisse ist es erforderlich, das zur Auswertung herangezogene Datenmaterial auf seine Zuverlässigkeit hin zu prüfen. Die Berechnung des Risikos erfolgt mittels statistischer Modelle. Der Vorteil von quantitativen Methoden liegt in der Vergleichbarkeit der Ergebnisse.

Im dargestellten Projekt wurde die quantitative Risikoanalyse mit einer Monte-Carlo-Simulation ausgeführt. Dabei werden die unbestimmten Parameter Schadensausmaß und Auftretenswahrscheinlichkeit in einem Modell durch Wahrscheinlichkeitsverteilungsfunktionen dargestellt. Durch die Verwendung dieser Funktionen können den Variablen verschiedene Wahrscheinlichkeiten zugewiesen werden. Wahrscheinlichkeitsverteilungen stellen eine sehr zuverlässige Methode dar, um in einer Risikoanalyse die Unbestimmtheit in Variablen zu beschreiben. Im Vortrag wurden die mit dem Programm @Risk berechneten Ergebnisse der quantitativen Risikoanalyse dargestellt und erläutert. Das hier vorgestellte quantitative Verfahren kann z.B. die Grundlage für die monetäre Bewertung des jeweiligen Risikos für den Auftragnehmer beschreiben, wenn dieser den Sanierungserfolg vertraglich garantieren soll. Über beide Vorträge wurde jeweils im Anschluss sehr lebhaft und anhaltend diskutiert.

Koordinator:
Dr. Ralf Kilger
Behörde für Umwelt und Energie
Abteilung Bodenschutz/Altlasten
Neuenfelder Straße 119
21109 Hamburg
Tel.:     040 / 4 28 405 – 5328
E Mail: Ralf.Kilger(at)bue.hamburg.de

Treffen der ITVA-Regionalgruppe Nord, 18. November 2015, Hamburg

Das diesjährige Treffen der ITVA-Regionalgruppe Nord findet am 18.11.2015, 16:00 – 19:00 Uhr, bei der Behörde für Umwelt und Energie (BUE), Hamburg, Neuenfelder Str. 19, Raum D.01.263 rechts neben dem Konferenzzentrum (Nähe Haupteingang und Stadtmodell), 21109 Hamburg, statt.

Schwerpunktthema: "Grundwassersanierung"

Programm:

16:00 Begrüßung

16:15 LHKW-Grundwasserschäden – Erfahrungen bei der Lokalisierung
          und Sanierbarkeit,
    
     Prof. Dr. Peter Adolphi, EcoConcept GmbH, Greifswald

17:30 Pause mit Imbiss

18:00 Analyse zur Quantifizierung der möglichen Risiken bei einer 
          Grundwassersanierung,
      
   Dipl.-Geol. Ulf Lankenau, CONSULAQUA, Hamburg

19:00 Ende der Veranstaltung

Die BSU ist bequem mit der S-Bahn zu erreichen: Linien S 3 u. S 31, Haltestelle „Wilhemsburg“ auf der anderen Seite der Bahngleise.
Für diejenigen, die mit dem Auto kommen möchten, kann nach vorheriger Anmeldung ein Stellplatz in der Tiefgarage (Einfahrt Neuenfelder Str. 19) reserviert werden. Die Reservierungsnummer wird rechtzeitig im Vorfeld übersandt.

Anmeldung per E-Mail bis spätestens Freitag, 13.112015.

Bitte vermerken Sie bei Ihrer Ameldung, ob Sie einen Stellplatz in der Tiefgararge benötigen.

Für den Imbiss wird ein Kostenbeitrag von 7,- - 8,- € erhoben, der vor Ort bar zu entrichten ist.

Treffen der ITVA-Regionalgruppe Nord am 29. Oktober 2014 in Hamburg

„Erste Erfahrungen beim Aufstellen des Ausgangszustandsberichtes (AZB) nach EU-Industrieemissions-Richtlinie (IED)“ war das Thema der ITVA-Regionalgruppe Nord am 29.10.2014 in die Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU). Es fand wegen seiner Aktualität mit über fünfzig Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein besonders großes Interesse.

Die „Einführung“ nahm Herr Jörn Fröhlich aus dem Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein vor. Er war bis Ende 2013 Obmann in einer ad-hoc-Arbeitsgruppe der LABO, die die „Arbeitshilfe zum Ausgangszustandsbericht“ entwickelt hat. Herr Fröhlich erläuterte die Richtlinie über Industrieemissionen – IE-Richtlinie bzw. Industrial Emissions Directive – IED (Richtlinie 2010/75/EU vom 24.11.2010) und deren nationale Umsetzung per Gesetz vom April 2013. Er erklärte den Artikel 22 („Stilllegung“) aus der EU-Richtlinie, demzufolge Betreiber bestimmter Industrieanlagen, von denen relevante gefährliche Stoffe verwendet, erzeugt oder freigesetzt werden, vor Inbetriebnahme bzw. vor Erneuerung der Genehmigung einen Bericht über den Ausgangszustand mit Blick auf eine mögliche Verschmutzung des Bodens und Grundwassers auf dem Gelände der Anlage zu erstellen haben. Der Bericht ist Grundlage eines quantifizierten Vergleiches des Ausgangszustandes mit dem Zustand bei der endgültigen Einstellung der Anlage und damit Maßstab für die Rückführungspflicht. Im Mai 2014 hat die EU-Kommission verabredungsgemäß Leitlinien zum Inhalt der Ausgangszustandsberichte vorgelegt. Ausführlich stellte Herr Fröhlich die Arbeitshilfe der LABO vor. Er wies insbesondere darauf hin, dass die Arbeitshilfe dem Anlagenbetreiber und dem hinzugezogenen Gutachter als Leitfaden für die Erstellung eines AZB dienen soll sowie den zuständigen Behörden Hinweise für die Prüfung eines vorgelegten AZB im Rahmen des immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahrens gibt.

Anschließend berichtete der Vorsitzende des ITVA-Arbeitskreis „IED-Richtlinie“, Dipl.-Ing. Christoph Wortmann, WESSLING GmbH, über die Aktivitäten des Arbeitskreises: Die konstituierende Sitzung des Fachausschusses erfolgte auf Initiative des Vorstandes des ITVA am 14.06.2011 in Köln. Der Arbeitskreis thematisiert alle mit Artikel 22 der EU-Richtlinie zusammenhängenden Aspekte und bringt sich in den Fachdialog und in die Erarbeitung von fachlichen Leitlinien ein. Die Arbeitskreissitzungen werden durchschnittlich von 6 bis 15 Teilnehmern besucht. Im Arbeitskreis sind neben Vertretern aus der Industrie und von Ingenieurbüros auch Juristen vertreten. Als erstes Arbeitsergebnis wurde am 17.01.2012 das ITVA-Positionspapier zum Ausgangszustandsbericht veröffentlicht und im Nachgang im März 2012 auf dem ITVA-Altlastensymposium in Hamburg vorgestellt.

Die im August 2012 veröffentlichte AMEC-Studie, die als Grundlage für die Erarbeitung der o.g. EU-Leitlinie erstellt wurde, greift Positionen des ITVA auf und zitiert das o.g. ITVA-Papier mehrfach. Des Weiteren erfolgt bereits seit April 2012 ein fachlicher Austausch mit der entsprechenden LABO-Arbeitsgruppe. Eine intensive Diskussion zum Entwurf der LABO-Arbeitshilfe fand im Mai 2013 mit dem damaligen Obmann der LABO-Arbeitsgruppe, Herrn Jörn Fröhlich, in Essen statt. Auf eine Stellungnahme des ITVA zur LABO-Arbeitshilfe wurde zu diesem Zeitpunkt verzichtet, da die Zustimmung der Länder und Kenntnisnahme durch die Umweltministerkonferenz (UMK) bevorstand und eine Überarbeitung nach Vorlage der entsprechenden EU-Leitlinien und ersten Praxiserfahrungen vorgesehen ist.

Im weiteren Verlauf des Vortrages berichtete Herr Wortmann über seine bundesweiten Erfahrungen bei der Erstellung von Ausgangszustandsberichten: Obwohl die EU-Richtlinie in einheitliches deutsches Recht überführt wurde, wird die Umsetzung in den Bundesländern zum Teil sehr unterschiedlich gehandhabt. Zu Diskussionen führen u.a. folgende Themen: Stoffbewertung, Bewertung von Stoffgemischen, Berücksichtigung von VAwS-Anlagen, Festlegung des Untersuchungsprogramms (Anzahl und Lage der Sondieransatzpunkte/Grundwassermessstellen, Ableitung von Untersuchungsparametern, Messtechnik) und die Berücksichtigung von Altlasten. Insbesondere wird die Bewertung von VAwS-Anlagen sehr unterschiedlich gesehen. Da die LABO-Arbeitshilfe hierzu keine Hinweise gibt, liegen in einigen Bundesländern (z.B. Bayern, NRW, Rheinland-Pfalz, Hamburg) Erlasse mit unterschiedlichen Anforderungen vor. So sind z.B. in Bayern bei Anlagen mit doppelwandigen Erdtanks mit zugelassener Leckanzeige und entsprechender Zuleitung im Gegensatz zu NRW und Rheinland-Pfalz keine Untersuchungen erforderlich.

Der ITVA-Fachausschuss sieht in einem fachlichen Dialog mit  der LABO im Hinblick auf die geplante Überarbeitung der LABO-Arbeitshilfe seine weitere Aufgabe. Die nächste Arbeitskreissitzung findet am 14.01.2015 in Bochum statt.

Den dritten Vortrag teilten sich die Herren Dipl.-Geol. Heinz Peter Thelen (aus Essen) und Dipl.-Geophys. Frank Biegansky (aus Hamburg) von der URS Deutschland GmbH. Sie berichteten über Erfahrungen mit dem AZB und brachten Beispiele aus der Industrie. Herr Thelen präsentierte einen Vorschlag zur Umsetzung des AZB an größeren Industriestandorten, auf denen mehrere IED-Anlagen betrieben werden. Änderungs- und Neugenehmigungen, die einen AZB erfordern, kommen hier in größerer Häufigkeit als auf kleinen und mittleren Standorten mit wenigen oder nur einer IED-Anlage vor. Hier kann es sinnvoll sein, für den Gesamtstandort einen sog. Mantelbericht zu erstellen, in dem allgemeine Angaben zu Nutzung, Historie, Hydrogeologie und Vorbefunden gemacht werden. Bedarfsweise wird dann jeweils ergänzend dazu ein sog. Anlagenbericht erstellt, in dem gezielt auf das spezifische Genehmigungsvorhaben Bezug genommen wird. Diese Vorgehensweise kann in Einzelfällen Vorteile bieten, da der Berichtsumfang u.U. deutlich reduziert werden kann. Das Vorgehen ist mit der jeweiligen Genehmigungsbehörde abzustimmen.

Herr Biegansky stellte anschließend ein aktuelles AZB-Projekt für eine NE-Metallhütte in Niedersachsen vor. Im Rahmen der Bearbeitung wurde u.a. eine umfassende Nutzungshistorie erstellt. Nach Festlegung des Anlagengrundstückes und der relevanten Anlagenstoffe wurde ein Untersuchungsprogramm erarbeitet, mit der Fachbehörde abgestimmt und umgesetzt, da nur unzureichende Vorbefunde vorlagen. Die Ergebnisse der AZB-Untersuchungen belegen nutzungsbedingte Vorbelastungen im Boden, die sich nur bedingt im Grundwasser wiederfinden. Die Vorstellung der Ergebnisse bei der zuständigen Behörde steht noch aus.

Treffen der Regionalgruppe Nord am 11. November 2013

Am 11.11.2013 traf sich die Regionalgruppe Nord in Hamburg-Wilhelmsburg im neuen Gebäude der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU). Behandelt wurden zwei Themen, die zusammengehören, nämlich Nachhaltigkeit und Nachsorge.

„Nachhaltigkeit bei der Altlastensanierung – ein Diskussionsbeitrag“ war der Titel des Vortrages von Herrn Dr. Thomas Held, ARCADIS Deutschland GmbH, Darmstadt. Er führte aus, dass das im Bereich Umweltschutz verankerte Prinzip der Nachhaltigkeit mehr und mehr auch auf den nachsorgenden Umweltschutz, d.h. die Sanierung von Boden und Grundwasser, angewendet wird. Während im europäischen Ausland die Diskussionen in vollem Gange sind, haben sie in Deutschland gerade erst begonnen. Teilweise werden diese Forderungen aber auch heute schon abgedeckt, beispielsweise durch die im Wasserhaushaltsgesetz (§ 3 Nr. 11) und Bundes-Immissionsschutzgesetz (§ 3 Abs. 6) einheitlichen Formulierungen zum Stand der Technik. Dieser ist „… der Entwicklungsstand fortschrittlicher Verfahren, Einrichtungen oder Betriebsweisen, der die praktische Eignung einer Maßnahme zur Begrenzung von Emissionen in Luft, Wasser und Boden [..], zur Gewährleistung einer umweltverträglichen Abfallentsorgung oder sonst zur Vermeidung oder Verminderung von Auswirkungen auf die Umwelt zur Erreichung eines allgemein hohen Schutzniveaus für die Umwelt insgesamt gesichert erscheinen lässt“ oder auch durch die in der BBodSchV, Anhang A, formulierten Anforderungen an die Sanierungsuntersuchung.

Dennoch spielen in Deutschland im Bereich des nachsorgenden Umweltschutzes, d.h. der Sanierung von Boden und Grundwasser, Nachhaltigkeitsüberlegungen kaum eine Rolle. Deutlich anders ist dies in den USA und auch in europäischen Ausland. Hier haben sich einige Organisationen wie NICOLE (Network for Industrially Contaminated Land in Europe), SuRF UK, SuRF US (Sustainable Remediation Forum), CL:AIRE UK (Contaminated Land: Applications in Real Environments), US Environmental Protection Agency, SAGTA (Soil and Groundwater Technology Association, UK) oder Eurodemo+ dieses Themas angenommen. Auch wenn die Überlegungen zur Nachhaltigkeit bei der Sanierung erst begonnen haben und Verfahren zur Berechnung der Nachhaltigkeit noch nicht sehr weit über eine Ökobilanzierung von Sanierungsverfahren hinausgehen, so sind doch damit die ersten Grundsteine für eine Nachhaltigkeitsbetrachtung bei Sanierungen gelegt.

Von der Brundtland-Kommission sind 1987 für eine Nachhaltigkeit drei relevante Säulen genannt worden, Umwelt, Ökonomie und Gesellschaft. Derzeit werden vor allem Aspekte der Schonung von Ressourcen berücksichtigt. Dies schlägt sich derzeit insbesondere in den USA im Begriff „Green Remediation“ nieder. Darunter wird die

-    Verminderung, Wiederverwendung und Recycling von Materialien und Abfällen,

-    Maximierung des Einsatzes erneuerbarer Energien,

-    Minimierung des Energie- und Wasserverbrauchs,

-    Minimierung der Emission von Schadstoffen und Treibhausgasen (CO2),

-    Minimierung der Flächeninanspruchnahme und

-    Nutzung von Synergieeffekten

verstanden. Diese ersten Überlegungen zeigen, dass es durchaus möglich ist, „grüne“ Elemente in ein Sanierungsverfahren aufzunehmen. Die Entscheidung, ob ein Sanierungsverfahren grüner ist als ein anderes, lässt sich in der Theorie ebenfalls vergleichsweise leicht bewerkstelligen. Hierzu gibt es eine Reihe von Rechenprogrammen, sei es als Excel-Tabelle (SiteWise™) oder als eigenständige Programme (BalancE3), die bei entsprechender (in der Regel sehr umfangreicher) Dateneingabe berechnen, welches Verfahren günstiger ist, meist in Form von CO2-Äquivalenten. In der Realität sind die Freiheitsgrade hinsichtlich der Verfahrensauswahl jedoch oft gering. Meist stellt der Standort von seinen hydrogeologischen Gegebenheiten, seiner Belastungssituation sowie den weiteren Rahmenbedingungen so hoch spezifische Anforderungen, dass oft nur ein einziges Verfahren anwendbar ist. Aber auch wenn nur ein Verfahren anwendbar ist, so kann man es jedoch grüner als bisher üblich gestalten, wie das Beispiel der Bodenluftabsaugung zeigt.

Zurzeit gehen aber die Überlegungen über diesen Ansatz der „Green Remediation“ hinaus und es wird nach Lösungen und Möglichkeiten für eine Quantifizierung einer ganzheitlichen Betrachtung von (Sanierungs-)Vorhaben gesucht. Dies wird sicherlich auch Änderungen in den aktuellen rechtlich verankerten Methoden und Maßstäben zur Bewertung erfordern. So wurde z.B. in den Niederlanden das generelle Verbot einer Vermischung und Verbreitung von mehreren einzelnen Grundwasserkontaminationen abgelöst von den funktionellen Anforderungen, dass innerhalb einer sog. Grundwassermanagement-Zone die Schadstoffe „fixiert“ sein müssen. Dies erlaubt eine Nutzung des kontaminierten Grundwassers zur Energiegewinnung (Aquifer Thermal Energy Storage), d.h. der Förderung und Reinfiltration großer Mengen an kontaminiertem Grundwasser ohne Reinigung. Dieses Verfahren wird als „Sanergy“ bezeichnet. Da es im Kern der Schadensherde oft aufgrund von intensiven Zehrungen der für einen natürlichen Schadstoffabbau notwendigen Hilfsstoffe kommt, kann eine Vermischung einzelner Kontaminationsbereiche zu einer Verbesserung der Bedingungen für einen natürlichen mikrobiellen Abbau führen. So kann letztlich eine energetische Nutzung von Grundwasser in kontaminierten Bereichen gleichzeitig den Schadstoffabbau beschleunigen.

Bei allen ökologischen Vorzügen ist letztlich jedoch nicht zu verkennen, dass die Umsetzung des Nachhaltigkeitsgedankens im ursprünglichen Sinne der Brundtland-Kommission entsprechende wirtschaftliche Anreize oder Ausgleiche benötigt. Voraussetzung für eine weitere Verankerung der Nachhaltigkeit beim nachsorgenden Umweltschutz ist ein gesellschaftlicher Konsens sowie politische und rechtliche Rahmenbedingungen, nicht zuletzt möglicherweise ein Zertifizierungssystem „Green Remediation“.

 

Das Thema Nachsorge behandelte anschließend Herr Dipl.-Ing. Christian Poggendorf, Prof. Burmeier Ingenieurgesellschaft mbH, Gehrden, am Beispiel der der gesicherten Sonderabfalldeponie Münchehagen („Erfahrungen aus dem Monitoring als Grundlage der Überlegungen zur Langzeitnachsorge“). In den frühen 1980-er Jahren war die ehemalige Sonderabfalldeponie (SAD) Münchehagen wie eine Reihe anderer Sonderabfalldeponien auf Grund unzureichender technischer Ausstattung, einer ungeordneten Betriebsführung und unkontrollierter Einlagerungen Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen. Diese hatten an dem Standort schließlich zur Einstellung der Abfallablagerungen geführt und dazu beigetragen, dass sich eine geordnete und umweltgerechte Abfallwirtschaft entwickeln konnte, wie wir sie heute kennen.

Inzwischen ist es sehr ruhig geworden um die SAD Münchehagen. Erst nach einen mehr als zehn Jahre andauernden Mediationsprozess hatten die politischen und juristischen Auseinandersetzungen Ende der 1990-er Jahre ein Ende gefunden. Ergebnis dieses Prozesses ist ein Vertrag zwischen dem Land Niedersachsen als Träger der Sanierungsmaßnahme und verschiedenen Kommunen im Umfeld der Deponie und einer Anliegergemeinschaft. Geeinigt hat man sich auf ein Konzept zur Sicherung der Deponie, das begleitet wird von einem detaillierten Monitoring. Zur Bewertung der Umweltauswirkungen der Deponie und zur Beantwortung der Frage, ob die gewählte Sicherung ausreichend ist, wurde ein Bewertungsgremium etabliert, das sich aus einem Vertreter der Kommunen und Anlieger, einem Vertreter des Landes und einem neutralen Vorsitzenden zusammensetzt und seit 1999 einmal jährlich Bewertungen der Monitoringergebnisse vornimmt sowie Empfehlungen zur Konfiguration des Monitorings und zur Sicherung der Deponie ausspricht.

Das vereinbarte und 1999/2000 realisierte Sicherungskonzept besteht aus einer Dichtwand (Einphasenschlitzwand) und einer Oberflächenabdichtung (Kunststoffdichtungsbahn mit Leckagekontrollsystem), entspricht aber im Übrigen nicht der üblichen Vorgehensweise zur Altlastensicherung mit einem Einbindehorizont als unterem Element der Einkapselung und einer hydraulischen Bewirtschaftung der Kapsel zur Aufrechterhaltung eines ständig nach innen gerichteten hydraulischen Gradienten. Der Grund hierfür liegt in dem Tonsteinuntergrund, der bis fast zur Geländeoberfläche reicht und durch Klüftungen hydraulisch wegsam geworden ist, wobei die Durchlässigkeiten im oberflächennahen Bereich bei etwa 1 x 10-5 m/s liegen und nach unten langsam auf etwa 1 x 10-7 m/s abnehmen. Die Dichtwände erreichen deshalb keinen wirklich abdichtenden Einbindehorizont, sondern wurden nur bis unter die tiefsten Polder der SAD niedergebracht.

Die Erwartungen aus der Planung des Sicherungssystems gehen deshalb auch nicht von einer vollständigen Unterbindung der Grundwasserbewegungen innerhalb des mit einer Dichtwand gekapselten Bereiches aus, sondern nur von einem sehr stark verlangsamten Durchströmen vor allem der eigentlichen Abfalleinlagerungen in den Poldern der ehemaligen Deponie.

Das zum Sicherungssystem gehörende, systematisch konfigurierte Monitoring überwacht deshalb vor allem die hydraulischen Bedingungen innerhalb des gekapselten Bereiches und vor allem an der Basis der Dichtwand, weil dort vor allem auf der Abstromseite zuerst mit einem Austrag von deponiebürtigen Stoffen gerechnet werden müsste (als „Fußpunktfahne“ bezeichnet).

Die über fast 15 Jahre kontinuierlich vorliegenden Monitoringergebnisse erlauben inzwischen eine gute Einschätzung der Schadstoffsituation innerhalb und außerhalb des gesicherten Bereiches. Insgesamt haben sich bisher keine Hinweise auf einen Austrag von Schadstoffen aus der Altlast in die Umwelt ergeben. Auf Grund der starken Wechselwirkung zwischen den deponiebürtigen organischen Schadstoffen und dem Tonstein (als „Matrixdiffusion“ bezeichnet) wird der Schadstofftransport extrem retardiert, so dass bis heute die deponiebürtigen Schadstoffe noch nicht einmal die umschließende Dichtwand erreicht haben.

Allerdings haben sich die Planungserwartungen hinsichtlich der hydraulischen Auswirkungen der Dichtwand nur zum Teil erfüllt. Zwar ist auf der Abstromseite der Deponie durch die Dichtwand eine sehr gute hydraulische Entkopplung des Deponieinneren vom umgebenden Grundwasser eingetreten, allerdings sind, beeinflusst von tektonischen Störungen im Tonsteinuntergrund, auf der Anstromseite und im westlichen Bereich unter der Dichtwand hindurch zum Teil sehr direkte Kopplungen des Innen- und des Außenwasserstandes erkennbar. Allerdings haben diese Kopplungen noch nicht zu einem Stofftransport nach außen geführt und werden dieses, wenn überhaupt, erst in sehr langen Zeiträumen tun.

Auf Grund der inzwischen weitgehend stabilen Verhältnisse in Bezug auf die Hydraulik und die Schadstoffsituation und auf die erkennbar sehr langsam ablaufenden Prozesse werden derzeit intensive Überlegungen über das weitere Monitoring und die erforderlichen betrieblichen Eingriffe in das Sicherungssystem geführt. Der zeitliche Horizont ist bei diesen Überlegungen auf 20 - 50 Jahre gerichtet.

Zuerst wurde über mehrere Jahre die schrittweise Außerbetriebnahme der aktiven Deponiegasfassung erprobt. Nach positiven Erfahrungen erfolgt seit 2011 die Deponieentgasung rein passiv. Das frei ausströmende Deponiegas wird dabei nur noch über einen Aktivkohlefilter geführt. Auch andere Betriebseinrichtungen sollen Stück um Stück außer Betrieb genommen und sogar zurückgebaut werden (z.B. nicht mehr benötigte Speichertanks, Leitungen usw.).

Derzeit wird an einer Neukonfiguration des Monitorings gearbeitet, das der sehr langsamen Entwicklung der Schadstofftransportprozesse gerecht wird. Es wird, wie bereits aktuell, die relevanten Lokationen und Stofflichkeiten berücksichtigen sowie aus einem reduzierten Regelmessprogramm und in größeren Abständen durchzuführenden Statusuntersuchungen bestehen. Ein weiterer Baustein zur langfristigen Nachsorge ist ein Datenhaltungs- und Informationssystem, das bei den anvisierten Zeiträumen der Deponienachsorge eine Kontinuität des Wissensstandes über die Deponie sicherstellen soll. Derzeit ist ein entsprechendes webbasiertes System im Aufbau.

Herbstreffen der Regionalgruppe Nord 2012

Am 15. Oktober 2012 traf sich die ITVA-Regionalgruppe Nord auf der Deponie Georgswerder, um sich über die Umgestaltung der gesicherten Altlast zum „Energieberg Georgswerder“ zu informieren. Eingeladen hatte die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) in das neue Ausstellungs- und Betriebsgebäude, das bereits im vergangenen Jahr eingeweiht worden war.

2013 finden in Hamburg-Wilhelmsburg die Internationale Bauausstellung (IBA) und die Internationale Gartenschau (igs) statt. Beide großen Veranstaltungen gehören zu Hamburgs „Sprung über die Elbe“, der nachhaltigen städtebaulichen Anbindung der südlich liegenden Stadtteile an die Innenstadt. Eines der von der IBA initiierten Projekte für 2013 ist die freiraumplanerische Umgestaltung der sanierten Deponie Georgswerder zum Energieberg, die mit der Öffnung der Deponie für die Allgemeinheit einhergeht (siehe altlasten spektrum 4/2010, Seite 165). 2009 lobte daher die IBA im Einvernehmen mit der BSU einen internationalen architektonisch-landschaftsplanerischen Wettbewerb aus. Den ersten Preis erhielt das Konzept der Landschaftsarchitekten Häfner/Jimenez (Berlin) und Konermann Siegmund Architekten (Hamburg). Die überzeugende Idee des Entwurfs ist ein die Kuppen der Deponie umrundender „Horizontweg“, ein stegartiger Rundweg, der als Stahlkonstruktion ausgeführt wird und einen faszinierenden Blick auf die Elbinsel Wilhelmsburg und auf Hamburg bietet. Bei Dunkelheit ist er als leuchtendes weißes Band sichtbar.

Die Planungen zum Landschaftsbauwerk präsentierte fachkundig Frau Dipl.-Ing. Stefanie Kilpert, die die Maßnahme seitens der BSU begleitet: Der Horizontweg wird als Rundweg hergestellt, der als waagerechte Ebene auf einer Höhenlinie (NN +37 m) liegt und sich aus acht radialen und vier geraden Abschnitten zusammensetzt. Der variierende Abstand zum Gelände wird durch unterschiedlich hohe Stahlstützen bzw. Winkelstützwände überbrückt. Alle Bauteile sind flach gegründet und befinden sich in der Rekultivierungsschicht der Abdeckung der gesicherten Altlast, sie greifen nicht in die darunter liegende Drainageschicht und die Abdichtung (Kombinationsabdichtung aus PEHD-Kunststoffdichtungsbahn und Geschiebemergel) ein. Die Gesamtlänge des Weges beträgt 915 m. Seine Breite variiert zwischen drei und sechs Metern, wobei die aufgeweiteten Abschnitte visuelle Bezüge zu besonderen Ausblicken herstellen.

Der Aufbau des Horizontweges wird abschnittsweise als Winkelstützkonstruktion (ebenerdig bis zu einer Höhe oberhalb des Geländes von ca. 2,0 m) und als Stahlkonstruktion (Höhe oberhalb des Geländes von ca. 2,0 m bis max. 6,5 m) ausgeführt. Als Bodenbelag erhält der Horizontweg gelochte Blechprofilbohlen. Das Geländer des Horizontweges besteht vornehmlich aus L-Profilen und Lochblechen als Geländerfüllung. Die Lochbleche werden als Reflexionsfläche für die Beleuchtung (indirektes Licht) genutzt und ermöglichen zusätzlich eine transparente Wirkung des Horizontweges. An den Abschnitten der Winkelstützkonstruktion auf Geländehöhe wird das innere Geländer ausgesetzt, so dass ein direkter Zugang zur Oberen Abdeckung des Deponiegeländes möglich ist. An der Bergseite des Horizontweges wird der Handlauf in Form eines einfachen Rundprofils ausgebildet, auf der Talseite ist ein breiterer Handlauf aus Stahl vorgesehen, der Ausstellungstafeln und LED-Leuchten aufnimmt. Die Beleuchtungsstärke am Geländer wird maximal ca. 230 Lux betragen und ca. 500 – 600 m weit sichtbar sein. Der Horizontweg wird ausschließlich tagsüber von Fußgängerinnen und Fußgängern genutzt. Er wird vom Ausstellungsgebäude aus über einen serpentinenförmig angelegten barrierefreien gepflasterten Weg sowie über eine direkt nach oben führende Treppenanlage (Short Cut) erreichbar sein.

Das Sicherheitskonzept sieht nach unterschiedlichen Zonen gegliederte Maßnahmen vor, welche die Besucherinnen und Besucher vor Unfällen und dem Kontakt mit gesundheitsschädlichen deponiebürtigen Stoffen sicher schützen sollen. Gleichzeitig sollen die für die Nachsorge der Deponie vorhandenen Betriebs- und Überwachungseinrichtungen vor unsachgemäßen Eingriffen geschützt werden. An den bestehenden Schächten werden im Rahmen der Umsetzung des Sicherheitskonzeptes teilweise Umbauarbeiten bzw. Ausbesserungsarbeiten zur Erhöhung der Sicherheit vorgenommen. Die Durchführung der betrieblichen Maßnahmen zur Überwachung und Instandhaltung der Deponie in der Nachsorge werden weiter gewährleistet bleiben.

Bereits errichtet wurden eine neue 3,4 MW-Windkraftanalage (im Austausch gegen zwei ältere) sowie eine 0,8 MW-Photovoltaikanlage von dem stadteigenen Unternehmen Hamburg Energie (HE), das die Anlagen auch betreibt.

Nach der Begehung der Baustelle besichtigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das neue Informationszentrum, das auf eine maximale Energieeinsparung setzt. So wird beispielsweise zur Beheizung des Gebäudes die Abwärme des gereinigten Wassers aus der benachbarten Grundwasseraufbereitungsanlage genutzt.

Im 100 m² großen Ausstellungsraum werden an fünf Terminals die Entstehung der Deponie und deren Sanierung, Themen der Altlastensanierung und Informationen zu regenerativen Energien sowie Exponate präsentiert. Kernstück des vom Büro MGP Erlebnisdesign (Hamburg) erstellten und umgesetzten Ausstellungskonzeptes ist die ca. zwölf Minuten dauernde multimediale Inszenierung „Der gebändigte Drache“, die stündlich wiederholt und durch einen dreiminütigen Kinderfilm ergänzt wird. Genutzt werden dabei mehrere Leinwände und Bodenmonitore sowie dynamische Licht- und Toneffekte im ganzen Ausstellungsraum, der sich zur angrenzenden Grundwasseraufbereitungsanlage – nur durch eine Glaswand getrennt – öffnet und mit Lichteffekten Bestandteil der Show wird.

Das Projekt wird von der EU aus EFRE-Mitteln mit bis zu 4,4 Mio. Euro unterstützt, was einem Förderanteil von bis zu 50% entspricht. Ziel der Förderung ist die Öffnung der bisher brach liegenden Fläche der Deponie Georgswerder im Stadtteil Wilhelmsburg und damit erwartete positive Auswirkungen auf die Entwicklung des umliegenden Quartiers. Insgesamt wird an Georgswerder verdeutlicht, wie ein Pilotprojekt der Altlastensanierung durch eine städtebauliche Weiterentwicklung neue Perspektiven eröffnen kann. Der Energieberg Georgswerder wird am 22. März 2013 im Rahmen der IBA Hamburg eröffnet.

Regionalgruppentreffen am 21. November 2011

Die jährliche Herbstsitzung der ITVA-Regionalgruppe Nord fand am 21.11.2011 in der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) statt. Im Mittelpunkt stand das Thema ?Ehemalige Lederfabriken in Neumünster ? Historie, Gefährdungspotenzial, Sanierung, Umnutzung?. Frau Dr. Ulrike Ströh-Neben, Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume aus Flintbek bei Kiel, und Frau Dipl.-Geogr. Ute Obel, Stadt Neumünster, Fachdienst Bau und Umwelt, stellten in ihren Vorträgen sehr anschaulich dar, wie man mit einem Thema umgeht, bei dem sich im Rahmen der Altlastenbearbeitung zeigt, dass es ein größeres Problem darstellt; wie man ? wenn über das Thema nicht viel bekannt ist ? die fachlichen Grundlagen schafft, um Standards festlegen zu können:

In Neumünster wurden im Rahmen der systematischen Erfassung von Altstandorten Anfang der 1990-er Jahre Hinweise auf 22 Standorte ehemaliger Gerbereien bzw. Lederfabriken ermittelt. Über 200 ha des heutigen Stadtgebietes zählen zu den Flächen der Lederproduktion, so dass diese Thematik eine besondere Bedeutung in der Stadtverwaltung hat. Bei der Bearbeitung ehemaliger Gerbereistandorte unter Altlastengesichtspunkten muss sowohl die Möglichkeit einer chemischen Kontamination durch den Einsatz großer Mengen umweltrelevanter Verbindungen als auch die Möglichkeit einer mikrobiologischen Kontamination durch die Verarbeitung von Rohhäuten milzbrandinfizierter Tiere beachtet werden.

Da viele Produktionsschritte im wässrigen Medium in Gruben oder Fassanlagen durchgeführt wurden, ist eine Verunreinigung des Bodens, des Grundwassers sowie ggf. des Oberflächenwassers nicht auszuschließen. Der hohe Wasserbedarf bei der Ledererzeugung ist auch ein Grund dafür, dass viele Lederfabriken an Fließgewässern lagen. Hier bot sich die Möglichkeit einer einfachen Wasserentnahme und gleichfalls die einer scheinbar problemlosen Abwasserentsorgung. Im Produktionsverlauf der Lederherstellung fielen große Abwassermengen an, die hoch mit organischen und anorganischen Stoffen belastet waren. Das Abwasser wurde oftmals Rieselfeldern zugeleitet, so dass auch diese Bereiche zu den altlastverdächtigen Flächen der Lederindustrie zählen. Demzufolge haben viele ehemalige Gerbereistandorte eine sehr große flächenhafte Ausdehnung.
Zu den Hauptkontaminanten der ehemaligen Gerbereistandorte zählen Arsen, Chrom und Naphthalin. Um die Risikovermutung bezüglich einer möglichen Kontamination durch Milzbrandsporen klären zu können, sind verschiedene Kriterien zu prüfen, wie z.B. Betriebsmaßstab, Art und Herkunft der Rohhäute, Konservierungsart, Produktionszeitraum sowie konkrete Hinweise auf Milzbrandfälle. Milzbrandsporen können Jahrzehnte, theoretisch auch Jahrhunderte in der Umwelt überleben, konkrete Angaben gibt es dazu nicht. Zu beachten ist bei der Risikobewertung jedoch, dass Umweltfaktoren wie Licht, Temperatur, Sauerstoffgehalt und biologische Aktivität die Tenazität beeinflussen. Es gibt Studien, denen zu entnehmen ist, dass die Überlebenszeit in stehenden Gewässern ca. zwei Jahre und in Sedimenten ca. 20 Jahre beträgt. Auch der Zeitpunkt der Betriebsstilllegung sowie die Art der Folgenutzung sind bei der Risikobewertung zu beachten.

Aufgrund der bisherigen Erfahrungen zählen hinsichtlich einer chemischen Kontamination folgende Nutzungen zu den altlastverdächtigen Bereichen eines ehemaligen Gerbereistandortes: Rohwarenlager/Wasserwerkstatt, Abwasserbehandlungsanlagen, Rieselfelder, Ablagerungsflächen von Produktionsrückständen und ggf. die Flussauen im Abstrom der Lederfabriken.

Bezüglich einer mikrobiologischen Kontamination sind ggf. folgende Areale besonders zu beachten: Rohwarenlager/Wasserwerkstatt, Abwasserbehandlungsanlagen und Ablagerungsflächen von Produktionsrückständen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn aufgrund historischer Recherchen (z.B. dokumentierte Milzbranderkrankungen von Mitarbeitern der Lederfabrik) und/oder aufgrund vorhandener Untersuchungsergebnisse ein begründeter Verdacht auf das Vorkommen von Milzbrandsporen besteht.

Insgesamt handelt es sich bei Milzbrand (von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang wesentlich der Hautmilzbrand) um eine in Deutschland kaum mehr vorkommende Krankheit. In Neumünster wurde seit über 50 Jahren keine Milzbranderkrankung festgestellt. Das verbleibende geringe Infektionsrisiko einer im Eintrittsfall schweren Erkrankung führt dazu, dass verbindliche Regelungen bezüglich des Umgangs mit Boden und  Bausubstanz in den oben aufgeführten Bereichen für den Arbeitsschutz und die Entsorgung unbedingt erforderlich sind. In Bereichen, in denen aufgrund o.g. Recherchen oder positiver Befunde der Verdacht hinsichtlich des Vorkommens von Milzbrandsporen weiter besteht, ist bei Abbruch- und Erdarbeiten gemäß der Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung nach Biostoffverordnung (BGI 583) die Schutzstufe 3 zu berücksichtigen. Das bedeutet in der Regel, dass dann das Vorhalten einer Schwarz-Weiß-Anlage, Reinigung und Dekontamination der Gerätschaften, das Aufstellen eines Arbeits- und Sicherheitsplanes usw. erforderlich werden.

Anders als bei der Bearbeitung von Altlastverdachtsflächen und Altlasten mit chemischen Belastungen fehlen für die Bewertung von Milzbrandkontaminationen verbindliche Prüf- oder Grenzwerte. Insoweit ist es hier besonders wichtig, eine nach Nutzungsbereichen differenzierte Einzelfallbetrachtung durchzuführen, um die Bereiche innerhalb z.T. sehr großer Betriebsareale feststellen zu können, in denen ggf. ein begründeter Verdacht auf das Vorkommen von Milzbrandsporen nicht aufgehoben werden kann.

Dies führt zu Einschränkungen hinsichtlich der Umnutzungsmöglichkeiten, bei Baumaßnahmen sowie bei Flächenan- und -verkäufen. Eine Sanierung ist nicht unbedingt (flächig) zweckmäßig, stattdessen sollten angepasste Nutzungskonzepte (bei welchen z.B. Eingriffe in den Untergrund vermieden werden) oder geeignete Einzelmaßnahmen geprüft werden, dadurch sind Maßnahmen auch in Milzbrand-Verdachtsbereichen kalkulierbar. Eine frühzeitige Aufklärung aller Mitwirkenden und eine einvernehmliche Regelung und Berücksichtigung der erforderlichen Arbeitsschutzmaßnahmen in den Milzbrand-Verdachtsbereichen sind hierfür notwendige Voraussetzungen.

Weiterhin haben die Erfahrungen gezeigt, dass eine intensive Öffentlichkeitsarbeit erforderlich ist, die dem subjektiven Gefahrenempfinden der verschiedenen Beteiligten gerecht werden muss. In Neumünster werden Eigentümer, Nutzer und die allgemeine Öffentlichkeit sowie die ortsansässigen Ärzte regelmäßig mit einem Faltblatt informiert.

 

Nach der Pause, die wieder zum intensiven Meinungsaustausch genutzt wurde, fragte Herr Dr. Stephan Simon, Geschäftsführer der Wessling Holding GmbH, Altenberge, "Wie viel darf's denn sein? ? Sanierungsziele und Betrachtungen zur Verhältnismäßigkeit von Sanierungsmaßnahmen?. Im Mittelpunkt des Vortrages, der mit großem Zuspruch bereits auf dem letzten ITVA-Symposium in Magdeburg gehalten worden war, standen fünf anonymisierte LHKW-Grundwasserschäden, die an einem Fluss, aber in mehreren verschiedenen Verwaltungsbereichen liegen.

Anhand dieser Beispiele aus der Praxis wurde gezeigt, wie die zuständigen Behörden jeweils entsprechend ihrer Kenntnislage und Zuständigkeiten entscheiden. Dabei entstehen (teilweise in räumlich eng zusammenhängenden Gebieten) deutlich unterschiedliche Herangehensweisen. Dies kann zu großen Irritationen sowohl bei den Pflichtigen als auch den Gutachtern führen. Aus den Beispielen wurde auch deutlich, dass bei systematischer Herangehensweise sich im Einzelfall durchaus Kriterien finden lassen, um neben den Kosten auch die übrigen Faktoren nachvollziehbar zu bewerten. Hier liegt eine wesentliche Aufgabe insbesondere auch für die Sachverständigen.

Sanierungsmaßnahmen müssen erforderlich, geeignet und angemessen sein. Im Bodenschutzrecht gelten neben Dekontaminationsmaßnahmen auch Maßnahmen zur Verhinderung einer Schadensausbreitung als Sanierungsmaßnahmen; Schutz- und Beschränkungsmaßnahmen sind ausnahmsweise zulässig, wenn und solange keine anderen verhältnismäßigen Verfahren zur Verfügung stehen.

Im Wasserrecht sind solche Differenzierungen hingegen nicht beschrieben. Eine vorliegende Grundwasserverunreinigung ist grundsätzlich zu beseitigen, wobei aber auch hier in jedem Fall der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zu beachten ist.

Bei der Prüfung der Verhältnismäßigkeit sind alle relevanten Aspekte in angemessener Weise zu berücksichtigen, also neben den Kosten z.B. auch die Wirksamkeit der ausgewählten Verfahren im Hinblick auf die Erreichung des Sanierungsziels, die Auswirkungen auf das Umfeld, betroffene Dritte und die Umwelt, die Dauer der Sanierung, bei Zustandsstörern auch die Leistungsfähigkeit des Pflichtigen. Es gibt jedoch keine verbindlich eingeführte Vorgehensweise, wie die Verhältnismäßigkeit konkret zu überprüfen ist.

Die Sanierungsuntersuchung dient der Auswahl der Vorzugsvariante. Es kann sich um einen iterativen Prozess handeln, wenn sich nämlich herausstellt, dass für ein definiertes Sanierungsziel kein ?verhältnismäßiges? Sanierungsverfahren gefunden werden kann.

In der Praxis spielen jedoch bei der Prüfung der Verhältnismäßigkeit fast immer die Kosten die entscheidende Rolle. Häufig wird dabei schlicht der finanzielle Aufwand in Relation zu den entfernbaren Schadstoffmassen (EUR je kg entfernter Schadstoff). gesetzt. Naturgemäß sind die Belastungen im Bereich der Eintragsstelle meist deutlich höher als in der Abstromfahne. Der Aufwand zur Entfernung von 1 kg Schadstoff ist im Fahnenbereich entsprechend sehr viel höher als in der Quelle, so dass Fahnensanierungen dann als ineffektiv oder unverhältnismäßig angesehen werden, ohne weitere Betrachtungen zu Auswirkungen auf die Umwelt, sonstige Schutzgüter oder Betroffene anzustellen.

Eine integrale Betrachtung der Auswirkungen von Punktquellen auf die Grundwasserkörper und die Oberflächengewässer entsprechend der Wasserrahmenrichtlinie und wie sie in der Grundwasserverordnung gefordert wird, findet oft nicht statt. Treten LHKW-belastete Fahnen in einen Fluss über, so ist in der Regel die dort stattfindende Verdünnung so groß, dass im Flusswasser die Konzentrationen unter der Bestimmungsgrenze liegen. Gleichwohl findet eine Verlagerung der Schadstoffe statt, die jedoch in ihren überregionalen Auswirkungen nicht bewertet wird.

Auch Grundlagen zur ökologischen Bewertung einer Sanierungsmaßnahme (Öko-Bilanz) sollten weiter geschaffen werden. Bei allen Betrachtungen ist jedoch immer zu beachten, dass die Pflichtigen nur zu Maßnahmen der Gefahrenabwehr herangezogen werden können. Für die Bewertung der Maßnahme ist eigentlich unerheblich, wer letztlich welche Kosten zu tragen hat ? ein ?vernünftiger? Interessenausgleich aller ökonomischen und ökologischen Anforderungen wäre wünschenswert, findet aber in aller Regel nicht statt.

 

Regionalgruppentreffen am 16.11.2009

Die Herbstsitzung der ITVA-Regionalgruppe Nord hatte in diesem Jahr die innovativen In-situ-Sanierungsverfahren als Schwerpunktthema.

Die neue ITVA-Arbeitshilfe "Innovative In-situ-Sanierungsverfahren" stellte Dr.-Ing. Hans-Peter Koschitzky, Voprsitzender des ITVA-Fachausschusses H1 "Technologien und Verfahren" vor. Über die "Sanierung einer LCKW-Fahne mit Hilfe einer In-situ-ENA-Maßnahme in Hamburg-Bergedorf" berichtete Dr. Nikolai Delling, Ingenieurgesellschaft Enders & Dürkop, Hamburg.

Regionalgruppentreffen am 02. Juli 2009

Die Mitglieder der ITVA-Regionalgruppe Nord waren am 2. Juli 2009 zur Baustellen­besichtigung ?Am Radeland?, einer laufenden Sanierungsmaßnahme im Hamburg-Heimfeld (Bezirk Harburg), eingeladen worden. Da die Teilnehmerzahl auf 15 Perso­nen begrenzt werden musste, meldeten sich die ersten Interessierten bereits ein paar Minuten nach Verschicken der Einladung an.

Trotz sengender Hitze stieß die Veranstaltung auf ein reges Interesse und dauerte knapp drei Stunden. Geführt wurde die Gruppe von Frau Dipl.-Ing. Marion Großcurth, Bauleitung, und Frau Dipl.-Ing. Monika Quistorff, Bodenentsorgungsmanagement, beide von der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU).

Saniert wird derzeit eine 3 ha große Fläche, auf der sich vormals ein Gaswerk (bis 1930) und ein gewerblicher Betrieb (bis 2001) befanden, der Bitumenemulsionen und bituminöse Baustoffe (Straßenbau, Dachpappen etc.) herstellte. Die BETX-, PAK- und Cyanid-Kontaminationen reichen lokal bis 8 m unter GOK. Im Untergrund befin­det sich außerdem viel reliktische Bausubstanz, und es besteht ein flächendeckender Kampfmittelverdacht; vier Bombenblindgänger wurden bereits gefunden. Die Sanie­rung läuft seit September 2008 und wird in diesem Herbst abgeschlossen sein. Neben dem Entsorgungsmanagement (für rd. 100.000 m³ Böden, Entnahme teils im Waben­verfahren) stellen der Bodenaushub an einer Hochwasserschutzwand und an einem Hochspannungsmast sowie die geforderte Kampfmittelfreiheit der sanierten Fläche besondere Herausforderungen an die Ausführung dar. Die Sanierungskosten werden rd. 12 Mio. Euro betragen, davon entfallen rd. 2,7 Mio. Euro für Sondierungen und Erdbau zum Herstellen der Kampfmittelfreiheit.


Am 16. November 2009 trifft sich die Regionalgruppe zu einer Vortragsveranstaltung mit dem Themenschwerpunkt ?Neue ITVA-Arbeitshilfe Innovative In-situ-Sanierungs­verfahren". Vortragen wird Herr Dr.-Ing. Hans-Peter Koschitzky, Obmann des ITVA-Fach­ausschusses H1 "Technologien und Verfahren". Details zum Sitzungstermin und -ort sowie zur Tagesordnung werden gesondert bekanntgegeben.

Regionalgruppentreffen am 17.11.2008

Die ITVA-Regionalgruppe Nord führte anlässlich des Abschlusses des seit 2002 laufenden BMBF-Förderschwerpunktes KORA (?Kontrollierter natürlicher Rückhalt und Abbau von Schadstoffen bei der Sanierung kontaminierter Böden und Grundwässer?) am 17. November 2008 in Hamburg eine Vortragsveranstaltung durch, die auf reges Interesse stieß.

Zur Einführung gab Dr.-Ing. Volker Franzius, Berlin, Vorsitzender des KORA-Lenkungsausschusses, einen Überblick über Zielsetzung, Struktur und Ergebnisse des Förderschwerpunktes. Er erinnerte an die Entwicklung von Natural Attenuation (NA) in Deutschland im Rahmen der Altlastenbearbeitung: Nach den ersten Hinweisen auf natürliche Schadstoffminderungsprozesse im Untergrund von Abfalldeponien im Jahre 1968 war es später unter anderem Hamburger Initiativen zu verdanken (Wienberg und Förstner, 1990, ?Chemische Umwandlungsvorgänge in Altlasten/Mobilisierung von Schadstoffen?, Wienberg, 1997, ?Nichtstun und beobachten ? eine alternative Grundwasser-Sanierungstechnik??), dass das Thema NA auf die Tagesordnung der Fachdiskus­sion kam. Nach Veröffentlichung der OSWER-Richtlinie (?Office of Solid Waste and Emergency Response?) durch die US-EPA im Jahr 1997 und weiteren nationalen Aktivitäten war es dann nur noch ein kurzer Schritt bis zur BMBF-Bekanntmachung ?Kontrollierter natürlicher Rückhalt und Abbau von Schadstoffen bei der Sanierung kontaminierter Böden und Grundwässer? (KORA) vom Februar 2000. Zielsetzung des Förderschwerpunktes KORA war es, Grundlagen zur Berücksichtigung natürlicher Schadstoffminderungsprozesse zu erarbeiten und die ökologisch, ökonomisch sowie verwaltungsrechtlich sinnvollen Einsatzmöglichkeiten und -grenzen zu ermitteln.

Die Struktur des Förderschwerpunktes KORA wurde nach Begutachtung der einge­reichten Projektvorschläge vorgenommen. Bundesweit wurden von 2002 bis 2008 in sechs verschiedenen Themenverbünden, die jeweils den wichtigsten branchentypischen Kontaminationen entsprachen, 24 Modellstandorte untersucht. Darüber hinaus wurden in zwei weiteren übergreifenden Themenverbünden Prognose- und Modellierungsinstrumente sowie Fragen der ökonomischen Bewertung, der rechtlichen Problematik und der Akzeptanz untersucht. Insgesamt wurden im Rahmen des Förderschwerpunktes KORA 74 Forschungsvorhaben mit einem Zuwendungsvolumen von 26,4 Mio. Euro und Gesamtaufwendungen in Höhe von 32,7 Mio. Euro durchgeführt. Der Förderschwerpunkt KORA wurde von den BMBF-Projektträgern Forschungszentrum Jülich, Außenstelle Berlin, und Forschungszentrum Karlsruhe, Außenstelle Dresden, administrativ begleitet. Die projektübergreifende fachliche Begleitung des Förderschwerpunktes lag bei der DECHEMA e.V., Frankfurt am Main, und der Universität Stuttgart, Institut für Wasserbau, VEGAS. Zur fachlichen Koordinierung des Förderschwerpunktes berief das BMBF einen Lenkungsausschuss vornehmlich aus Vertretern von Ministerien, Vollzugs- und Fachbehörden, wodurch eine vollzugsnahe Orientierung der Forschungsergebnisse sichergestellt werden sollte.

Als Ergebnisse des Förderschwerpunktes KORA wurden Leitfäden jeweils für die nach branchentypischen Kontaminationen ausgerichteten Themenverbünde 1 ? 6 und themenverbundübergreifend Handlungsempfehlungen erarbeitet. Die Handlungsempfehlungen enthalten die verallgemeinerbaren Erkenntnisse des Förderschwerpunktes. Dazu zählen Empfehlungen zur Nutzung des NA-Potenzials in der Altlastenbearbeitung, eine Zusammenstellung von relevanten Begriffsdefinitionen, die rechtliche Einordnung der Nutzung natürlicher Schadstoffminderungsprozesse und Forschungsergebnisse zur ökonomischen Bewertung sowie zur Risikokommunikation und Akzeptanz. Bestandteil der Handlungsempfehlungen ist auch eine Methodensammlung, die Kurzbeschreibungen von 85 empfohlenen Methoden enthält, die an den in KORA untersuchten Standorten entwickelt und evaluiert worden sind, wobei auf ausführliche Erläuterungen und Anwendungsbeispiele zu einzelnen Methoden in den Branchenleitfäden verwiesen wird. Die Handlungsempfehlungen ergänzen die Branchenleitfäden, in denen die kontaminierten Standorte als Referenzstandorte ausführlich dokumentiert werden. Die Forschungsarbeiten im Förderschwerpunkt KORA wurden frühzeitig mit den Anforderungen des behördlichen Vollzugs unter Berücksichtigung der Fragen des Altlastenausschusses (ALA) und des Positionspapiers der LABO (?Berücksichtigung natürlicher Schadstoffminderungsprozesse bei der Altlastenbearbeitung?, 2005) abgestimmt.

 Im zweiten Vortrag wurden die Ergebnisse aus dem Themenverbund 3 (TV 3) ?Che­mische Industrie, Metallverarbeitung? vorge­stellt. Diese sind im Leitfaden ?Natürliche Schadstoffminderung bei LCKW-kontaminierten Standorten ? Methoden, Empfehlungen und Hinweise zur Untersuchung und Beurteilung? zusammengefasst. Hierzu erläuterte Dr. Sibylle Grandel vom Institut für Geowissenschaften der Universität Kiel, Abt. Angewandte Geologie, dem die Koordination des TV 3 oblag, dass es Ziel und Inhalt des Leitfadens sei, methodische Vorgehensweisen, konzeptionelle Ansätze und Arbeitshilfen aufzuzeigen, mit deren Hilfe das Potenzial natürlicher Schadstoffminderungsprozesse an einem LCKW-Standort ermittelt, prognostiziert und bewertet werden kann, um es ggf. im Zuge der Gefahrenbeurteilung und/oder Sanierung einer LCKW-Altlast zu berücksichtigen. Als Bewertungskriterien dienen dabei die von der LABO im Positionspapier zu prüfenden standortbezogenen Voraussetzungen. Neben der Synthese der Arbeiten und Ergebnisse aus dem KORA-Themenverbund sind in den Leitfaden auch Erkenntnisse aus internationalen Arbeiten integriert. Dadurch sollte ein wissenschaftlich fundierter, aber auch für die Praxis hilfreicher Leitfaden erstellt werden, der den aktuellen Stand des Wissens so weit als möglich zusammenfasst.

Ein wesentliches Ergebnis der Forschungsarbeiten sind die im Leitfaden gut und öffentlich dokumentierten Untersuchungen zur Bewertung der natürlichen Schadstoffminderungsprozesse an den sechs LCKW-Referenzschadensfällen. An vier der sechs Standorte werden die natürlichen Schadstoffminderungsprozesse berücksich­tigt.

Der Leitfaden ist in fünf Hauptkapitel A ? E unterteilt, die die folgenden inhaltlichen Schwerpunkte umfassen:

  • Kapitel A beinhaltet allgemeine Grundlagen mit Ausführungen zur Branchen- und Schadstoffcharakteristik und den relevanten NA-Prozessen bei LCKW-kontaminierten Standorten.
  • Kapitel B enthält Empfehlungen zur Einzelfallbearbeitung mit Hilfestellungen und Konzepten zur systematischen Vorgehensweise sowie einer Methodenauswahl, anhand derer die natürlichen Schadstoffminderungsprozesse untersucht und bewertet werden können. Weiterhin sind ergänzend jeweils ein Kapitel zu ?Maßnahmen, die die natürlichen Schadstoffminderungsprozesse unterstützen (ENA)? sowie zu ?Verfahren und Effizienz von in-situ Quellensanierungsverfahren? ent­halten.
  • Kapitel C beinhaltet die Fallbeispiele der sechs TV 3-Referenzstandorte. Hier werden die Arbeiten und Ergebnisse der sechs Standorte, die im Rahmen des TV 3 bearbeitet wurden, zusammenfassend und in vergleichbarer Form vorgestellt.
  • Im Kapitel D ?Schlussfolgerungen? werden die Ergebnisse der Standortuntersuchungen übergeordnet zusammengefasst sowie im internationalen Kontext bewertet.
  • Kapitel E enthält Anlagen, wie Literaturangaben, Publikationen aus dem Themenverbund sowie weitere fachliche Anhänge.

 Die  KORA-Handlungsempfehlungen und -Leitfäden können ab sofort unter www.natural-attenuation.de/bestellung bezogen werden.

Regionalgruppentreffen am 02.07.2008

Umsetzung der Hamburgischen Verordnung über Sachverständige und Untersuchungsstellen nach § 18 Bundes-Bodenschutzgesetz (HmbVSU)
Am 15.04.2008 erschien im Hamburger ?Amtlichen Anzeiger? eine Verfügung der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU), wonach ab 01.07.2008 Aufträge im Altlastenbereich unter bestimmten Randbedingungen nur noch an Personen vergeben werden, die eine Anerkennung als Sachverständige/r nach § 18 BBodSchG haben.
Weitere Informationen
Die ITVA-Regionalgruppe Nord führte am 02.07.2008, 16.00 Uhr, bei der BSU eine Informationsveranstaltung durch, um die neuen Regelungen und Anforderungen vorzustellen und mit den Teilnehmern zu diskutieren. Die Tagesordnung umfasste folgende Kurzvorträge:

Regionalgruppentreffen am 12.11.2007

Die Herbstsitzung der Regionalgruppe Nord fand am 12. November 2007 in der Hambur­ger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) statt. Hauptthema war diesmal die Kampfmittelräumung.

Erster Gastredner war Herr Dr.-Ing. Wilfried Möller von der Ober­finanzdirektion Hannover, der über die ?Aufgaben der Leitstelle des Bundes für Kampf­mittelräumung; Arbeitshilfen Kampfmittelräumung" vortrug. Die Landesbauabteilung der OFD Hannover ist als Kompetenzzentrum des Bundes (Leit-OFD) im Auftrag der Bundes­ministerien für Ver­kehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) und der Verteidigung (BMVg) tätig. Im Referat LA 21 sind dies die Leitstellen des Bundes für Abwassertechnik, Liegen­schaftsinformationssystem Außenanlagen (LISA), Boden- und Grundwasserschutz sowie Kampfmittelräumung. Schwerpunktaufgaben bilden dabei die Entwicklung von DV-Kon­zepten, die baufachliche Beratung sowie das Qualitätsmanagement. Weitere Informati­onen finden sich unter www.OFD-Hannover.de/LA.

Zu den Aufgaben des Qualitätsmanagements im Bereich der Kampfmittelräumung gehört als Schwerpunkt die Erarbeitung der Arbeitshilfen Kampfmittelräumung (AH KMR); Unter­titel: Arbeitshilfen zur wirtschaftlichen Erkundung, Planung und Räumung von Kampfmit­teln auf Liegenschaften des Bundes (www.AH-KMR.de). Diese Arbeitshilfen definieren den Stand der Technik, setzen durch die methodische Beschreibung Maßstäbe und gewähr­leisten die wirtschaftliche, einheitliche und nachhaltige Kampfmittelräumung. Für die Kampfmittelräumung werden drei Phasen erläutert:

  • Phase A ? Historische Erkundung
  • Phase B ? Technische Erkundung und
  • Phase C ? Räumung der Kampfmittel.

Zu den einzelnen Bearbeitungsschritten bieten die Arbeitshilfen Erklärungen, Informationen und Verfahrens­beschreibungen sowie konkrete Musterverträge, Leistungsbeschreibungen und ?verzeich­nisse  sowie technische Spezifikationen für gewerbliche und ingenieurtechnische Leistun­gen.

Im Rahmen der Historischen Erkundung spielt die Auswertung von Archivalien und Luft­bildern eine zentrale Rolle. Im Auftrag des Bundes hat die Leitstelle seit 1995 eine zentrale Archivaliendatenbank aufgestellt und führt diese ständig mit aktuellen Erkenntnissen aus der systematischen Auswertung von in- und ausländischen Archiven fort. Ergänzt wird dieser Bestand durch eine Luftbilddatenbank. Auf dieser Grundlage führt die Leit-OFD im Auftrag der Bundesministerien seit 1999 liegenschaftsbezogene Auswertungen im Rah­men von historisch-genetischen Rekonstruktionen (HgR-KM) durch und berät die nutzen­den Verwaltungen der Bundesliegenschaften bei Gefährdungsabschätzungen im Vorfeld von Baumaßnahmen.

 Danach berichtete Herr Dipl.-Ing. Karsten Helms, Mull & Partner Ingenieurgesellschaft mbH, Han­nover, (www.mullundpartner.de) über ?Kampfmittelbelastungen bei der Flächenentwicklung ? vom ?einfachen Verdacht? zur gezielten Kampfmittelräumung?.

Bei der Flächenentwick­lung, sowohl auf zivilen als auch auf militärischen Flächen, ist die Detektion und Räumung von Kampfmitteln neben der Beseitigung schädlicher Bodenveränderungen und/oder kontaminierter Bausubstanz eine Herausforderung, derer sich die Grundstückseigentü­mer bzw. die Investoren oft nicht bewusst sind. Nach wie vor schlummern im Boden die Fol­gen der Weltkriege. Immer wieder kommt es bei Tiefbaumaßnahmen zum Auffinden der explosiven Hinterlassenschaften bis hin zur unkontrollierten Detonation mit tödlichem Aus­gang oder hohen Sachschäden.

Zu empfehlen ist eine stufenweise Vorgehensweise. Angefangen von der multitemporalen Luftbildauswertung und der Recherche zu Angriffsdaten sind weitere das Objekt oder das Grundstück betreffende Informationen zu erfassen. So spielen die Bodenbeschaffenheit, die Vegetation und die Änderungen in der Nutzung (z.B. unkontrollierte Umlagerungen) oder bereits durchgeführte Räummaßnah­men eine entscheidende Rolle zur Präzisierung des weiteren Vorgehens. Die daraus entwickelte technische Erkundung der Kampfmittelbelastungssituation kann von der geophy­sikalischen Untersuchung bis zur Durchführung von Testfeldräumungen reichen. Aus den Ergebnissen wird unter Beachtung eines für die Nachnutzung angepassten Räumzieles das geeignete Räumkonzeptes aufgestellt. Hierbei kann die Anwendung flächenhafter geophysikalischer Untersuchungen mit dem Angraben von detektierten Anomalien, die visuelle Absuche oder das maschinelle Abtragen des Bodens einschließ­lich Siebung genauso als Verfahren geeignet sein wie die Tiefensondierung zur Überprü­fung luftbildsichtig erkannter Blindgängerverdachtspunkte.

Die im Auftrag der Bundesministerien für Verkehr, Bauwesen und Städtebau (BMVBS) und der Verteidigung (BMVg) durch die Leit-OFD Hannover aufgestellten ?Arbeitshilfen Kampfmittelräumung? geben zu der gesamten Thematik praxisorientierte Informationen zur Durchführung von Kampfmittelräumassnahmen. Die dort dargestellte Vorgehensweise wurde im Rahmen des Vortrages anhand von Pra­xisbeispielen näher erläutert. Dabei wurden neben den bestehenden Möglichkeiten einer gezielten Herangehensweise auch die Grenzen der Anwendbarkeit dargestellt. Im Rah­men der anschließend sehr angeregten Diskussion wurde klar, dass das Thema Kampf­mittel im Rahmen des Flächenrecyclings eine bedeutende Rolle spielt, häufig aber weder bei den Auftraggebern noch bei den Ingenieurbüros ausreichende Erfahrung im Umgang mit dieser Problematik bestehen. Der erheblichen Bedeutung der Kampfmittel insbesondere bei der Re­strukturierung urbaner Flächen hat der ITVA mit der Gründung eines Arbeitskreises ?Kampfmittelräumung? Rechnung getragen.

Kontakt:
Dr. Ralf Kilger
Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt
Abteilung Bodenschutz/Altlasten
Billstraße 84
20539 Hamburg
Tel.:            040 / 4 28 45 ? 35 42
Fax.:           040 / 4 28 45 ? 35 72
E Mail:        Ralf.Kilger(at)bsu.hamburg.de

 

Regionalgruppentreffen am 20.06.2007

Eine kleine aber feine Gruppe von sechs Mitgliedern nahm 20. Juni 2007 an der diesjährigen Exkursion der ITVA-Regionalgruppe Nord teil. Besichtigt wurde die ?Baufeldfreimachung Grasbrook? in der Hamburger HafenCity. Im Bereich des künftigen Überseequartiers, dem ?Herzstück? der HafenCity, werden auf einer 8,5 ha großen Fläche der Kreuzfahrtterminal mit einem Hotel, einem Science Center mit Wissen­schaftstheater und ein Aquarium entstehen, dazu Wohnungen und Büros, viele Cafés, Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten.

Vorgesehen ist, die HafenCity durch eine U-Bahn (Linie U 4) an die Hamburger Innenstadt anzubinden, mit einer Station unter dem Überseequartier. In diesem Bereich befand sich früher Hamburgs erstes und größtes Gaswerk, das von 1844 bis 1976 arbeitete. Eine Fläche von rd. 4,2 ha war bereits 2004/05 von der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) saniert worden (siehe altlasten spektrum 5/2004, Seite 289, Bericht Regionalgruppe Nord). Damals wurden 220.000 m³ kontaminierter Boden ausgebaut und entsorgt. Die Sanierungstiefe war auf ca. NN - 1 m begrenzt, da durch den gespannten Grundwasserspiegel die Gefahr eines hydraulischen Grundbruchs bestand. Nachweisbar waren die Belastungen aber teilweise bis in Tiefen von NN - 10 m. Daher wurde 2005 beschlossen, die ?Baufeldfreimachung? als Vorwegmaßnahme von der BSU durchzuführen, mit dem Ziel für den Bau der U-Bahn Station eine kontaminationsfreie Baugrube herzustellen, die gleichzeitig als Startschacht für den Schildvortrieb dient.

Herr Dipl.-Ing. Hermann Brandt vom Referat Altlastensanierung/Baudurchführungen der BSU erläuterte und zeigte die Maßnahme: Erstellt wird eine Baugrube von 265 m Länge, 24,5 m Außenbreite und bis NN - 15 m Tiefe. Die 1,2 m dicke Wand wird im Zwei-Phasen-Schlitzwand-Verfahren ausgebildet. Für deren Bewährung und Aussteifung in zwei Tiefenlagen werden 8.000 t Stahl benötigt. Entnommen werden müssen 160.000 m³ Böden, von denen rd. 90% kontaminiert sind und entsorgt werden müssen.

Nachdem die genaue Lage und Größe der für den U-Bahnbau erforderlichen Baugrube fest standen, wurden die erforderlichen Planungsarbeiten einschl. Genehmigung, Ausschreibung und Vergabe in rd. neun Monaten durchgeführt. Die Baumaßnahme wurde im Sep. 2006 begonnen und im Juli 2007 abgeschlossen. Der Schlitzwandbau dauerte knapp 3,5 Monate, die Aushubarbeiten fünf Monate. Die Baugrube wurde dem U-Bahnbau fristgerecht übergeben. Der Bau der U-Bahn soll zwischen 2007 und 2011 erfolgen; im gleichen Jahr soll auch das Überseequartier eröffnet werden.